„Was machst du eigentlich beruflich?“ – Patientenbericht aus der Zeitung

Liebe Leserinnen und Leser,

nach langer Zeit mal wieder ein Lebenszeichen von mir.

Achtung: In dem Artikel geht es um mein Arbeitsfeld und Blut. Wer das nicht verträgt sollte den Artikel lieber nicht lesen!
Ich werde immer mal wieder gefragt, was ich mache und wenn ich dann antworte Krankenpfleger kommen nachfragen was genau und so weiter. Sonst bin ich ja an die Schweigepflicht gebunden, aber da hier der Patient selber der Zeitung über seinen Unfall berichtet hat, kann ich das mal verwenden. Außerdem ist es ein toller Artikel über Nachbarschaftshilfe. Zu erst auf Norwegisch: (die deutsche Übersetzung folgt immer Anschluss in kursiv)
(an die Norwegisch Spezialisten: evtl. Übersetzungsfehler bitte ich zu verzeihen, ich übersetze es sinngemäß nicht wortwörtlich) 

(Erklärungen zu verschiedenen Punkten stehen in Klammern)

Kappet av tommelen – fikk uventet hjelp av naboene

Daumen abgeschnitten – bekam unerwartete Hilfe von den Nachbarn

Mens Stein Bakken lå på Rikshospitalet mobiliserte naboene til dugnad. – Det er helt rått, sier Bakken fra sykesenga i Oslo.
Als Stein Bakken (Name d. Patienten) im Rikshospital lag, organisierten seine Nachbarn eine „Dugnad“ (häufiger Norwegischer Brauch in Mehrfamilienhäusern, Wohnblöcken, Gemeinden, Firmen > gemeinsames Saubermachen, Frühjahrsputz, Renovieren, etc.) – Das ist total abgefahren, sagte Bakken vom Krankenbett in Oslo.

– Det er godt å bo på Kolvereid for å si det sånn, sier Stein Bakken fra sykesenga i Oslo.– Es ist gut in Kolvereid zu wohnen, das muss man mal so sagen!, sagte Stein Bakken vom Krankenbett in Oslo aus.FOTO: PRIVAT

Elisabeth Skarrud, Journalist, Malin Sveinsdotter Lystad, Journalist Publisert i dag, for 5 timer siden
Fredag kveld var Stein Bakken og kona i full gang med å male huset. Etter en stund tar Stein en pause fra malinga for å kløyve ved.
Freitag Abend war Stein Bakken und seine Frau damit beschäftigt das Haus zu streichen. Nach einiger Zeit hat Stein eine Pause vom Malen gemacht um Holz zu hacken. 
– Jeg sto og sagde ved med en vedmaskin. Jeg tok vel en sjans og da gikk tommelen av, sier Stein.
– Ich stand da und sägte Holz mit einer Tischkreissäge. Ich war wohl etwas zu unvorsichtig und da war der Daumen ab, sagte Stein.
Selv om han så at deler av tommelen var borte beholdt han fatningen.
Selbst als er sah, dass ein Teil des Daumens ab war, behielt er die Fassung.
– Jeg skjønte med en gang at dette ikke var dødsalvorlig så jeg var helt rolig. Jeg jobber i brannvesenet, så jeg har sett litt forskjellig.
– Ich wußte sofort, dass es nicht lebensgefährlich war, daher war ich ganz ruhig. Ich arbeite bei der Feuerwehr, da habe ich schon einiges gesehen.
Det var Namdalsavisa som først omtalte saken
Die „Namdalsavisa“ (Zeitung aus Namdal) schrieb als erste über die Sache.
– De trodde ikke på meg
– Sie glaubten mir nicht.
Da han oppdaget hva som hadde skjedd slo han av traktoren og gikk bort til kona som sto og snakket med to andre damer.
Als er merkte was passiert war, stellte er die Maschine ab und ging zu seiner Frau, die mit zwei anderen Damen redete.
– Jeg sa hun måtte ringe 113 fordi jeg hadde kuttet av tommelen. Men de trodde ikke på meg fordi jeg var så rolig.
– Ich sagte sie müssen 
die 113 (norwegischer Notruf) anrufen, weil ich mir den Daumen abgeschnitten habe. Aber sie glaubten mir nicht, weil ich so ruhig war.
Da han viste fram tommelen ble reaksjonen en annen.
Als ich ihnen den Daumen zeigte wurde die Reaktion eine andere.
– Jeg satt meg på trappa fordi jeg følte meg litt uvel, men det var ikke så smertefullt.
– Ich setzte mich auf die Treppe, da ich mich ein wenig unwohl fühlte, aber es war nicht sehr Schmerzhaft.
De ringte 113 og fikk spørsmål om de hadde funnet den avkappede delen av tommelen.
Sie riefen die 113 an und wurden gefragt ob der abgeschnittene Teil des Daumens gefunden wurde.
– Jeg tuslet tilbake og kikket under traktoren, og der lå den i flisdungen.
– Ich wankte zurück und sah unter den Traktor, und da lag er im Sägespäne-Haufen.
Tommelen er nå sydd på igjen.
Der Daumen ist wieder angenäht.FOTO: PRIVAT

Etter 15 minutter kom ambulansen. Stein fikk morfin og ambulansepersonellet tok bilder av tommelen. Etter hvert blir han flydd til Rikshospitalet hvor tommelen blir sydd på igjen.
Nach 15 Minuten kam der Krankenwagen. Stein bekam Morphin und die Sanitäter machten Bilder vom Daumen. Danach wurde er ins Rikshospital geflogen, wo der Daumen wieder angenäht wurde. (Anm.d.R.: Das Namdal liegt etwa 800 km nördlich von Oslo (200km nördlich Trondheim) am Atlantik. Die Patienten werden vom Unfallort mit dem Krankenwagen oder Hubschrauber (je nach Entfernung und Zeitaufwand) zum nächstgelegenen Flugplatz gebracht und dann mit einem Ambulanzjet nach Oslo geflogen und von dort mit dem Hubschrauber zum Rikshospital. Die Zeit zwischen der Amputation und dem Operationsbeginn sollte möglichst nicht über 6 Std. liegen, da sonst die Chancen, dass das amputierte Körperteil wieder anwächst deutlich sinken. Fast ganz Norwegen ist mit Rettungshubschraubern abgedeckt und an verschiedenen Stellen stehen die Ambulanzjets bereit. Dies ist notwendig, weil es zwar verschiedene Unikliniken im Land verteilt gibt, aber zum Beispiel zum Annähen von Fingern oder Händen die einzigen Ärzte die es können in Oslo sind. Es gibt einfach nicht genug Spezialisten die so etwas können.

34 naboer stilte opp – 34 Nachbarn traten an

Mens han og kona var på Rikshospitalet mobiliserte naboene til dugnad, for huset var langt fra ferdigmalt.
Während er und seine Frau im Rikshospital waren mobilisierten die Nachbarn eine Dugnad (siehe Erklärung oben), denn das Haus war lange davon entfernt, fertig gestrichen zu sein.
– Vi hadde sendt meldinger på Snapchat eller Facebook om at vi holdt på å male huset grått.
– Wir schickten ihm Bilder und Nachrichten über Snapchat und Facebook um ihm auf dem Laufenden zu halten, während wir sein Haus grau fertig malten. (Anm. d.R.: „Grau“ ist hier leider gerade eine Modefarbe für Häuser… 😉 )
Dette hadde blant annet Turid Finne fått med seg.
Das hatte unter anderem Turid Finne organisiert.
– Hun trommet sammen en gjeng på 34 personer som malte huset.
– Sie trommelte 34 Personen zusammen die das Haus fertig malten.
Stein blir tydelig rørt når han får spørsmål om hva han synes om naboenes innsats.
Stein war sehr gerührt, als er gefragt wurde, was er von dem Einsatz der Nachbarn hielt.
– Det er helt rått. Jeg har egentlig ikke ord på det.
– Das ist echt unglaublich. Ich wußte nicht was ich sagen soll.
– Det er godt å bo på Kolvereid for å si det sånn, legger han til.
– Es ist gut bei Kolvereid zu wohnen um es mal deutlich zu sagen, meinte er noch.
Han forlot et rødt hus, når han kommer tilbake er hele huset grått. Nå har han lagt en plan for hva han skal gjøre når han kommer hjem.
Er verließ ein rotes Haus (Anm.d.R.: Ich verstehe echt nicht wie man sich für Grau entscheiden kann… 😀 ), und wenn er zurück kommt ist das ganze Haus grau. Nun hat er sich überlegt, was er machen will, wenn er heimkommt.
– Jeg tror vi må ha en skikkelig hagefest.
– Ich glaube wir müssen ein schönes Gartenfest veranstalten.
Men det er ikke bare naboene Stein vil skryte av:
Aber es sind nicht nur die Nachbarn, die Stein rühmen will: 
– Det norske helsevesenet er helt fjell!
– Das norwegische Gesundheitswesen ist echt super!

 

Dem letzten Satz von Stein kann ich zwar nicht in allen Belangen zustimmen, aber auf jeden Fall in der Notfallversorgung. 

Was ist jetzt meine Aufgabe dabei: Die Patienten kommen nach der Operation zu uns auf Station. Wenn ein Finger/Hand/Arm wieder angenäht wurde ist eine kritische Phase von 8-10 Tagen zu überstehen. Während der Operation werden die Knochen, Venen und Arterien (Blutgefäße), Nerven, Sehnen und Muskeln und zum Schluss die Haut wieder zusammengenäht. Sehr wichtig ist dabei das gute funktionieren der Blutversorgung, damit das Gewebe nicht abstirbt. Das müssen wir hauptsächlich überprüfen. Dazu gehen wir 10 Tage lang JEDE Stunde zum Patienten, messen die Temperatur des Fingers, beobachten die Farbe des Fingers und die „Füllung“ mit Blut (drückt fest auf eine Stelle am Finger oder der Hand für ein paar Sekunden, lasst los: zuerst ist die Stelle gelblich (>blutarm) und wird (sollte zumindest) schnell wieder rosa bis rot werden – das ist die „Füllung“)
Im Idealfall ist die Temperatur über 33 °C, die Farbe rosa bis rot und die Füllung „normal“ (also innerhalb 1-2 sek wieder die gleiche Farbe). Fällt die Temperatur innerhalb einer Stunde um 1 ° C oder mehr, verändert sich die Farbe oder die Füllung funktioniert nicht wie sie soll, wird der diensthabende Arzt informiert, der dann entscheidet ob erneut operiert werden muss, ob einen weitere Operation nicht sinnvoll oder möglich ist, ob wir mit Heparin (Blutverdünnungsmittel) und „Fischmund“ (mit einem Skalpell wird ein Schlitz in die Fingerspitze geritzt, aus dem es idealerweise ständig leicht bluten sollte, das Heparin soll diese Wirkung verstärken) oder ob wir eine Blutegelbehandlung starten sollen. Bei der Blutegel Behandlung wird mit einer Nadel in den amputierten Finger gestochen und ein Blutegel an die Stelle gesetzt, dies soll dann 30-60 min saugen, dabei die Körpergröße ver- x- fachen und gibt währenddessen seinen Speichel in die Wunde ab, der die Durchblutung fördert. (Es ist gleichzeitig die Henkersmahlzeit, denn im Anschluss werden sie mittels kochendem Wasser getötet. Bis ein Blutegel, dass sich „satt“ gesaugt hat wieder hungrig wäre würden mehrere Monate vergehen, aus hygienischen Gründen, dürfen sie aber nur bei einem Patienten verwendet werden.)

Blutegelbehandlung

Blutegelbehandlung (bei einem ANDEREN Patienten!)

Mit den Blutegeln haben wir eine sehr gute Erfahrung gemacht. Hört der Finger auf zu bluten, wird das nächste Blutegel angesetzt. 
Erfolgsrate: Bei etwa 70% unserer Patienten wachsen die replantierten (=wieder angenähten) Körperteile wieder an. Bei den restlichen 30 % müssen sie leider amputiert werden, was an verschiedenen Gründen – Zeit zwischen der Amputation und Operation, anderen Erkrankungen wie Diabetes,… ; …. –  liegen kann.
Etwa 50-60% können sie danach auch wieder ganz oder teilweise benutzen und haben teilweise wieder Gefühl im Finger/Hand.

So, ich hoffe, das war ein bisschen interessant für euch.
Bis zum nächsten Artikel,

Euer Christian

 

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